Torfmoose – die wesentlichen Grundlagen
Als Torfmoose oder auch Bleichmoose werden die Arten der Gattung Sphagnum L. bezeichnet. Taxonomisch gehören sie zur Abteilung Bryophyta (Laubmoose). Weltweit kommen rund 300 Torfmoosarten vor. In Deutschland sind davon ca. 36 Arten vertreten, die in sechs Sektionen bzw. fünf Untergattungen eingeteilt werden.
Lebensräume
Torfmoose besiedeln ein breites Spektrum nasser, meist saurer Standorte. Ihren Verbreitungsschwerpunkt haben sie in den Mooren, vom ausschließlich regenwassergespeisten (ombrotrophen) Hochmoor über das Zwischen- oder Übergangsmoor bis zum grund- bzw. mineralbodenwassergespeisten (minerotrophen) Niedermoor. Entlang dieses Trophie- und pH-Gradienten sind die Arten unterschiedlich verteilt: Einige sind streng an saure, nährstoffarme Hochmoorbereiche gebunden, andere ertragen auch basen- und nährstoffreichere Verhältnisse.
Darüber hinaus kommen Torfmoose in weiteren feuchten, bodensauren Lebensräumen vor: Etwa in Bruchwäldern (Erlen- und Birkenbruch), auf Rohhumus in feuchten Nadelwäldern sowie an sicker- und quellfeuchten, schattigen Felsen der Mittel- und Hochgebirge.
Mikrohabitate: der Bult-Schlenken-Komplex
Innerhalb eines Moores ist die Vegetation kleinräumig nach dem Wasserstand gegliedert; im sogenannten Bult-Schlenken-Komplex. Entlang dieses Feuchtegradienten besetzen die Torfmoosarten charakteristische Mikrohabitate:
- Schlenke – nasse, zeitweise oder dauerhaft wassergefüllte Senken; besiedelt von nässeliebenden Arten (z.B. S. cuspidatum, S. majus, S. balticum).
- Rasen (Teppich, ggf. Schwingrasen) – ebene, mäßig nasse Flächen im mittleren Niveau (z.B. S. papillosum, S. fallax).
- Bult – erhöhte, vergleichsweise trockene Polster oberhalb des mittleren Wasserspiegels; besiedelt von trockenheitstoleranteren Arten (z.B. S. fuscum, S. rubellum, S. capillifolium).
Diese Zonierung spiegelt die unterschiedliche Toleranz der Arten gegenüber Überstauung und Austrocknung wider und prägt die typische, kleinräumig strukturierte Oberfläche naturnaher Moore. In wiedervernässten Hochmooren werden die Flächen oft von Schlenkentorfmoosen und Gräsern dominiert. Umgangssprachlich werden die Horste von Molinia caerulea und Eriophorum vaginatum dort ebenfalls als „Bulte“ bezeichnet. Diese Regenerations- bzw. Degenerationsstadien haben aber nichts mit dem natürlichen Bult-Schlenken-Komplex im eigentlichen Sinne gemeinsam.
Aufbau und besondere Eigenschaften
Ihre herausragenden ökologischen Funktionen verdanken die Torfmoose einem besonderen Aufbau. Die Ast- und Stammblätter bestehen aus einem Netz zweier Zelltypen: schmalen, lebenden Chlorocyten (Chlorophyllzellen), die die Photosynthese leisten, und großen, toten Hyalocyten (Hyalin- oder Wasserzellen). Die Hyalocyten sind durch Poren mit der Umgebung verbunden und auch in der Epidermis von Stamm und Ästen zu finden. Am oberen Ende der Torfmoospflanze befindet sich das Köpfchen (Capitulum), hier findet das Wachstum statt. An der Basis sterben die Pflanzen mit der Zeit durch Lichtmangel ab. Torfmoose besitzen keine Wurzeln und können sich theoretisch auch aus kleinen Fragmenten von Stamm oder Ästen vollständig regenerieren.
Wasserspeicherfähigkeit. Über die Hyalocyten saugen sich Torfmoose wie ein Schwamm mit Wasser voll und halten es kapillar fest. Sie können dabei ein Vielfaches ihres Trockengewichts an Wasser speichern – je nach Art etwa das 15- bis über 30-fache. Dadurch bleibt ein Moor noch lange nach dem letzten Niederschlag nass; in Trockenphasen fahren die Moose ihren Stoffwechsel herunter, bleichen aus und überdauern, bis Regen sie wieder durchfeuchtet.
Kationenaustausch. Die Zellwände enthalten Polyuronsäuren mit freien Carboxylgruppen, die als hochwirksame Kationentauscher fungieren: Sie binden basische Kationen (v.a. Ca²⁺, Mg²⁺, K⁺) aus dem Umgebungswasser und geben im Gegenzug Wasserstoffionen (H⁺) ab. Auf diese Weise versauern die Torfmoose ihr Umfeld aktiv und senken den pH-Wert – im Hochmoor häufig auf Werte um die 3 bis 4.
Diese „Selbstversauerung“ schafft die sauren, nährstoffarmen (oligotrophen) Bedingungen, unter denen Torfmoose konkurrenzstark sind und die meisten Gefäßpflanzen verdrängt werden; Torfmoose gelten daher als klassische Ökosystem-Ingenieure. Im permanent nassen, sauerstoffarmen und sauren Milieu wird zudem die mikrobielle Zersetzung stark gehemmt: Die abgestorbene Biomasse wird nur unvollständig abgebaut und akkumuliert über Jahrtausende als Torf – die Grundlage der Moorbildung und damit auch der Namensgebung. Von allen terrestrischen Pflanzen speichert die Gattung Sphagnum in der toten und lebenden Biomasse mit Abstand am meisten Kohlenstoff.


Gesetzlicher Schutz
In Deutschland stehen alle heimischen Torfmoosarten unter Naturschutz: Die Gattung Sphagnum ist in Anlage 1 der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) als „besonders geschützte Art“ geführt. Daraus ergeben sich nach § 44 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) Zugriffs- und Vermarktungsverbote. Torfmoose dürfen also weder der Natur entnommen oder beschädigt noch verkauft oder gewerblich verwendet werden.
Auf europäischer Ebene führt die FFH-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) die Gattung Sphagnum in Anhang V – gemeinsam mit Leucobryum glaucum und den Rentierflechten Cladonia subg. Cladina. Anhang V umfasst Arten, deren Entnahme aus der Natur und Nutzung nach Artikel 14 der Richtlinie nur mit der Aufrechterhaltung eines günstigen Erhaltungszustands vereinbar sein darf und entsprechend durch Verwaltungsmaßnahmen geregelt werden kann.
Daraus ergibt sich, dass auch die Entnahme von Torfmoosen zur Nachbestimmung am Mikroskop grundsätzlich verboten ist bzw. einer Genehmigung bedarf. Allerdings werden nach § 44 Abs. 6 BNatSchG fachkundige Personen von diesem Verbot befreit, sofern ihre Handlungen der Vorbereitung gesetzlich vorgeschriebener Prüfungen dienen und sie dabei mit größter Sorgfalt vorgehen.






